Auszüge aus Briefen

AUSZÜGE AUS BRIEFEN 1980-1998


VON WILHELM MÜLLER / DRESDEN

AN UDO KNOLL / BERLIN


Brief 03.04.1980

Man wird so sehr von seinen eigenen Vorsätzen bestimmt, dass man leicht anfängt vor sich selbst wegzulaufen und das gelingt uns nicht; wir wachen immer wieder in uns selbst auf!


Briefkarte 07.01.1981

Die Silberstift Griffel-Übungen habe ich nun endlich hinter mir, für eine Zeile fast zwei Tage !


Brief 02.09.1982

Also er bittet Dich sehr herzlich, Dr. Dieter Honisch anzurufen, also Dich mit ihm in Verbindung  zu setzen und ihn sehr von ihm, Dr. Fritz Löffler, zu grüßen und Du würdest in seinem Auftrag anrufen, um ihm zu sagen, dass Ihr Euch Beide in Verbindung setzen sollt, damit er die Arbeiten von mir auch ansehen soll, Du möchtest aber D.H. auch sagen, dass ich befreundet bin mit der ungarischen Gruppe der Konstruktivisten, z.B. Thomas Henze (?) u. vor allem mit Nadler, Istvan, den er (D.H.)  selber gut kennt und für den er schon geschrieben hat. Also er soll die Arbeiten von mir zur Kenntnis nehmen, denn er selber, Dr. F.L., will an D.H. schreiben, oder selber sich mit ihm in Verbindung setzen, aber da will Dr. F.L., dass D.H. meine Arbeiten schon kennt.


Brief 23.03.1983

Im Moment bin ich bei  der Technik in Silberstift, bei der die schmalen Längsstreifen über das ganze Blatt gehen, mühsam aber faszinierend, ich bekomme die Technik immer besser in den Griff und sie ändert , aber nur ganz leicht von Blatt zu Blatt, für eine Zeile brauche ich  1 ½  – 2 Stunden u. vier Zeilen muß mein Tagwerk sein – das sind auf der Fläche dann 8-10 mm am Tag. Ich komme mir vor  wie so ein alter sächsischer  Steinschleifer aus dem 18. Jahrhundert. – Nun, Du wirst es ja sehen. Vom dritten Blatt habe ich über die Hälfte. Bevor ich im Atelier wieder anfange zu arbeiten hoffe ich, daß  ich also den Winter über fünf Blätter geschafft habe. Und da hilft nur, pünktlich aufstehen, gut essen – wandern alle ein-zwei Wochen wenigstens 15 km!)  u. gut schlafen. Ja – gut schlafen –  wie war doch das mit dem Schlaf u. dem guten Gewissen ? Ich glaube, der Gute hatte nicht viel Ahnung vom Leben; ich schlafe immer am besten, wenn ich ein schlechtes Gewissen haben  müsste


Du schreibst, ich soll nicht so viel von meinen Tafeln verschenken, -weißt Du – wenn ich sie nicht wenigstens verschenken könnte, ich würde an meinen Arbeiten ersticken.



Brief 27.03.1984

Mit den Silberstiftzeichnungen bin ich noch lange nicht fertig. Aber von den so dichten Blättern mache ich nur noch das eine fertig. Und dann brauche ich zwar noch eins, aber das kommt dann erst wieder zu Beginn des Winters dran. Zweimal war meine rechte Hand schon geschwollen wie ein böhmischer Knödel u. Daumen u. Zeige- u. Mittelfinger sind taub. Leider gibt eben keine (Foto) Aufnahme das Original wieder.


Brief 24.05.84

Der Fußboden im Atelier hat teilweise eine neue Dielung – heute bin ich mit dem Streichen des Fußbodens fertig geworden . Zweifarbig – die erste Farbe gab’s nicht mehr – vielleicht wird’s Mode !

Mit den sechs Hauptblättern für die Mappen mit den Silberstift-Arbeiten bin ich Ostern fertig geworden. Zwei Winter durch habe ich daran gearbeitet, darf man überhaupt keinem sagen – sonst machen die Leute gleich ein Kuriosum daraus. Die übrigen Blätter werden nicht so kompliziert. Mich regt immer auf, wenn die Leute nur fragen können: ‘Wie ham sen das gemacht?’

– 2 –


Brief 10.05.1985

So – Du warst beim Vorrichten. Mußte ich lachen – ich saß selber bis zum Hals im Dreck! Die Wände sind schön weiß –und  das ganze Zimmer Chaos – ich ziehe nämlich um – in meiner eigenen  Wohnung – die Schränke, die Fächer – die Regale– alles ist vollgepfropft u. man findet nichts mehr. Seit vier Jahren will ich das schon machen. Ich räume einfach die Fächer aus und schmeiße alles auf die Liege, u. wenn ich mich abends hinlegen will, müssen die Sachen da ‘ihren Platz’ gefunden haben! Das ist doch, worum es immer wieder geht  –   was hat wo seinen Platz ! Und dann kommt Besuch – u. da scheiden sich dann die Geister. Wie wenige machen sich wirklich Gedanken was es bedeutet, wenn Du kochst, wäscht, lebst, leicht schläfst u. arbeitest in einem Raum von 22 qm u. arbeitest in zwei Berufen. Was glaubst Du wie das hier aussieht, wenn ich für’ s Museum einen großen Teppich gewaschen habe, da bin ich  froh, daß ich keine Auslegware mehr habe, sondern einfach Linoleum – da wischt man eben schnell naß durch – bzw. man brauchte eben nur schnell mal naß durchzuwischen  –


Brief 15.05.1985

Über den Zeichenblock habe ich mich natürlich auch sehr gefreut. Zweimal einige Stunden hintereinander u. dann später noch einige Überarbeitungen. Allerdings habe ich vorher auch viel geübt, so, und es kam mir eben doch recht wie Japanischer Zirkus vor – Und obwohl einige Blätter ja doch recht interessant waren, konnte ich mich nicht entscheiden, dem einzelnen Blatt Gültigkeit zu geben. So stellte ich also Deinen Block mit der weißen Spirale auf, schlug immer mal ein Blatt um- ehe so der Groschen fällt dauert es ja immer seine Zeit – aber dann fiel er doch – – das also ist das Arbeitsprogramm für den kommenden Winter :

” Japanischer Zirkus “

ein Bilderbuch von Wilhelm Müller

Für die vehemente Handbewegung gibt es einen direkten Anlaß durch die japanischen Turner – denn einen japanischen Zirkus in unserem Sinne gibt es glaube ich überhaupt nicht


Brief 14.06.1985 (zum Japanischen Zirkus)

–        und knicken tue ich die Blätter nur, die sowieso nichts taugen – das (hier) ist von der letzten Nacht, da klemme ich mir eine schwarze Mine unter die Fingernägel der linken Hand und bewege gleichzeitig den Block mit der rechten Hand. Du siehst, deinen Rat, doch gleich einen Bündel Buntstifte in die Hand zu nehmen, habe ich befolgt. Vielen Dank für den Tip.


Brief 18.06.1985

Bei den Blättern, die Du hier sehen wirst, wird Dir klar, daß es um die Briefbögen nicht schade ist ; aber es sind eben wirklich bisher nur sehr wenige : 80%Ausschuß.

Ja also dann bis bald. Herzlich Dein Wilhelm


Du solltest mich beim Zeichnen mal hören !!



Brief 08.08.1985

Weißt Du, daß ich heute um 19.00 h meine letzte Serie der

Konstruktiven Übung, die 7/7, in den Umschlag gesteckt – nun werden sie aber noch viele Monate im Verlag schmoren. ( 20 Jahre hat es gedauert, nun bin ich froh, daß ich es vergessen kann.)




Brief 26.08.1986

Es ist doch immer wieder erstaunlich, was für sorgsame Sicherheitsvorrichtungen der Körper in sich selbst eingebaut hat. Ich will damit sagen, nachdem ich den Sommer über (also bis vor einer Woche) wie ein blöder gearbeitet habe, bin ich eben tüchtig auf die Schnauze geflogen. Der Rücken spielt verrückt, Durchfall, der Magen stülpt sich aus der Kehle u. als Kopf hat man eben wirklich einen Kürbis! Und dann kann man plötzlich so schön langsam gehen !! Ich habe nicht sehr viel Tafeln geschafft, bin aber ein tüchtiges Stück weitergekommen. Vor allem ein organisatorisches Problem scheint sich gelöst zu haben: Ich habe wieder einen neuen Handwerker !! Nun, man soll den Koch nicht vor dem Abend loben, aber wie es sich auch entwickelt, mit den anderen beiden gab es keine Weiterarbeit mehr. Geld u. gute Worte ? Ach –keineswegs-  Kniefall – Geld – Geld  + Kniefall: falls es möglich wäre, wenn doch mal die Zeit dazwischen sein könnte um eventuell in absehbarer Zeit; nein, nein, um Gottes Willen, nein es muß ja nicht gleich sein, absolut nur wie es Ihnen zufällig mal Ihre Zeit erlaubt; ja, ja ich weiß welch fast unzumutbaren Gefallen Sie mir tun …. und wenn dann diese Arschlöcher von Tischler endlich ihre Arbeit geliefert haben – dann konnte ich sie ja nochmals weggeben, damit mir jemand den Aluminiumrahmen drum herum macht. Und die letzten Tafeln waren so saumäßig, daß es einfach eine absurde Aktion wurde auf diesen Tafeln zu arbeiten – immer wieder die Rückseite aufschneiden u. leimen – leimen u. stöhnen – ich konnte sie doch nicht wegwerfen u. die letzten drei Tafeln wurden eben wirklich eine absurde Aktion, es wurde der Beginn für die Gruppe der “Weißen Tafeln”. Warum es eine absurde Aktion ist, das kann ich Dir sagen: stehst Du nämlich mit dem einfallenden Licht im Rücken vor so einer weißen Tafel, dann –lieber Udo- dann siehst Du eben nichts !! Du siehst eine absolut weiße Fläche – keine Kontur – nichts ; erst wenn Du dich (?) – erst wenn Du die direkte Konfrontation mit der weißen Fläche aufgibst  – wenn Du Deinen Standpunkt verändert hast (den Standpunkt der Konfrontation) dann erst werden die Konturen sichtbar bis dann das Bild einen ähnlichen Eindruck macht wie die Metallic-Lack-Tafeln. Nur ist es jetzt ” Weiß in Weiß”. (ähnlich aber besser erklärt Boris

Chasanow (?) absurde Aktion :’Die absurde Aktion erklärt die Realität für ungültig. An die Stelle einer Wahrheit, die für alle verbindlich ist, setzt sie eine Wahrheit, die nur für einen einzigen Menschen sichtbar ist. Strenggenommen bedeutet diese Aktion, daß derjenige, der sich zu ihr entschlossen hat, selbst zu einer lebendigen Wahrheit geworden ist.’)


Weiß ist in Asien die Farbe des Todes, aber durch immer wieder neues Auftragen und Abkratzen (mit Cutter-Klingen), also großzügig über die ganze Fläche, entsteht letztlich eine ganz dünne poröse Oberschicht, die durch ihre völlige Lichtreflexion  die Strukturen + Konturen auf ihr unsichtbar macht – u. diese weiße Fläche hat eben nichts mit der ostasiatischen Vorstellung  zu tun, sondern vermittelt den Eindruck von Stille – Heiterkeit u. Aufblühen.

” Wie eine Pfirsichhaut ” meinte Herr Mayer u. ich strahlte natürlich wie ein Pfannkuchen


Brief 18.01.1987

Angenehm ist auch folgendes : der Werner Schmidt  hat in die Sammlungen aufgenommen von mir: 2 Wandentwürfe 1:1 auf a) 24 Zeichenkartonseiten u. b) 18 Zeichenkartonseiten u. 4 Blätter ebenfalls aus der Zeit 1965/66, aus der Zeit also, in der ich mich aus der Bindung an Glöckner löste. Sie stellen die Bewegung eines schwarzen Quadrates auf der Fläche dar, es bewegt sich von rechts nach links bei jeder Reihe eine Stufe tiefer. Von b müßtest Du eine

Aufnahme haben (Atelieraufnahme). Dann nahm er noch auf: 10 Blätter mit Silbertinte; und zwölf Blätter Jap.Zirkus (u. zwar alle die ich ihm so vor 2 Jahren gab  oder 1 ½) Es sind Blätter aus dem kleinen Block, den Du mir zuerst geschickt  – siehst Du mein Guter  – Dir stand es ja nicht an auch nur ein Wort darüber zu verlieren – aber der Dr. Direktor fand nicht nur Gefallen daran, er war entzückt !!

Und nun sind auch die letzten Blätter davon raus u. der Vorhang ist hinter dem ‘Japanischen Zirkus’ gefallen!!  Ich bin nicht sicher, es müssen so ca. 300-250 Blätter gewesen sein, aber auch viel Mist, so 100 Blätter habe ich zerrissen.



Brief 09.04.1987

Ähnlich wie die alte Schleifsteinscheibe hier bei  mir über dem Schreibtisch, die ich mal im Erzgebirge gefunden habe – innen dieses Viereck, durch das die Mittelachse vom Drehrad ging u. dann diese ca. 7-8 cm /O eirige Scheibe darum. Wie viele Jahre hängt das Ding  nun schon hier vor mir auf der Wand – bis ich es als Motiv begriffen habe !!!  Diese Langsamkeit, diese für meine Umwelt nicht faßbare Langsamkeit in diesem künstlerischen Begreifen von dem was ich eigentlich will – das ist ja wirklich manchmal schlicht zum Erbrechen. Und dazu die gottergebene Beharrlichkeit !! – und das am Ende des 20. Jahrhunderts !! Kein Mensch kann begreifen was für Kraft es mich immer u. immer wieder kostet, mich Tag für Tag immer wieder selbst anzunehmen !

Brief 28.04.1987

…… Nun diese Arbeit werde ich Kunsthistorikern ersparen – meine Arbeiten sind eben in alle Winde verstreut – aber die Leute, denen sie was bedeuten, haben sie gerne um sich. Ich erarbeite eben WOHNSTUBENBILDER !! Vom Hersteller in die Wohnstube. Hilfe oder Begleitung des Menschen von der Straße in seiner Alltagsumgebung. Nicht beim Sonntagsspaziergang in der Galerie  oder für Wichtigtuerei ……..; meine Arbeiten brauchen von der Bagage nicht abgesegnet zu werden!!  Oder von “Kulturpolitikern” ;

denen sie ja absolut ein Dorn im Auge sind. Weil man nicht im Verband ist dürfen ja von staatlichen Stellen und Museen keinerlei Arbeiten verkauft oder angekauft werden – diese Arbeiten werden behandelt wie die Arbeiten früherer Nazis – und was ist, wenn man mal tot ist ? Dann ja ?? – und dieses Verbot haben unsere Behörden ja in allen sozialistischen Ländern durchgesetzt – u. da die keine außenpolitischen Schwierigkeiten wegen des Handels mit der DDR haben wollen, richten sie sich offiziell danach. Das wurde erlassen, als Ingo Kircher von sich aus in Krakau seine Holzschnitte ausstellen ließ u. den 1.Preis gewann – der Neid der Offiziellen. Du kannst also malen wie Du willst, kirre kriegen sie Dich durch die unteren “Kulturfunktionäre”, meist Maler mit akademischen Abschluß, die (?) selbst nichts bringen. Aber die westlichen Galleristen kümmert das ja nicht, sie verdienen genug mit den ‘Rennern’, die sie über den Deutschen Außenhandel beziehen, egal, was die Künstler hier bekommen – das Kulturabkommen hat die ganze Sache ja auch von “westlicher”  Seite abgesegnet. Ja, der freie Handel  !














Brief 23./27.06.1987

Über 30 von den kleinen weißen Tafeln habe ich gearbeitet. Nun kann ich sie nicht mehr sehen !!!. Es ist zum Kotzen – ich kann nie eine Arbeit wirklich zu Ende führen. Kannst Du Dir vorstellen, die letzten Tafeln schaffe ich kaum noch u. eine liegt mit bestgearbeiteter Rückseite da – ich bringe nichts drauf. Irgendwo bleibt man eben immer auf der Strecke liegen.

Morgen  geht’s wieder ins Museum, es ist beruhigend anderer Leute Arbeit in der Hand zu haben.


Brief 05.08.1987

Im Moment mache ich im Atelier große Ordnung. Ich will immer Ordnung halten, aber das schaffe ich nicht. Da flog mal wieder viel über den Jordan !! Aber ich bin froh, daß der Bekannte mir diese Alurahmen wieder macht. Diesmal sind es eben auch größere Tafeln. Und wenn die dann alle gerahmt sind, habe ich für viele Jahre Ruhe – hoffentlich schaffe ich sie noch alle, denn das Hantieren mit den großen Tafeln fällt mir doch schon recht schwer – der Rücken wird eben nicht besser. Und wenn ich dann die Rahmung bezahlt habe, …… , dann kann ich den Urlaub auch für dieses Jahr vergessen. Denn diese Leute sind ja nicht nur freundlich sondern auch teuer u. er muß ja auch einiges unternehmen, um die Aluleisten erst einmal zu bekommen.


Brief 6.11.87

Die Leute vergessen, daß nach 25 Jahren Zahnarzt u. der Rückenbehinderung mit den dauernden Begleiterscheinungen – ich ein verbrauchter Mensch bin. Die Kraft, über die ich noch verfüge, gehört der Arbeit u. sie ist eingeschlossen in meinem Leben für mich. Und das die Arbeiten aus dem Atelier oder vom Arbeitsplatz verschwinden – das ist eine schnelle Sache, aber dann da noch was organisieren – nein – ich habe mich 25 Jahre den Leuten zum Fraß hingeworfen – das war eine sinnvolle und allgemeinnützliche Zeit; jetzt will ich wissen, daß es den Wilhelm Müller gibt – u. daß ich dieser W.M. bin.


Brief 20.02.1988

Es scheint, daß die Arbeiten langsam anfangen für sich selbst zu arbeiten; in den nächsten Tagen ist in Budapest eine Ausstellung mit ” Dresdner Konstruktivisten “, dann im Mai auch in Budapest: Grafische Sammlungen des Museums für Schöne Künste: Neuerwerbungen – da wollen sie in einem großen Fries die Konstruktive Übung aufhängen (freue ich mich riesig) – in Dresden können die Konstruktivisten nicht ausstellen, drei ( von 6) sind nicht im Verband – darum haben die drei Ausstellungsverbot – die anderen haben sich solidarisch erklärt – die Ausstellung findet nicht statt .


Brief 27.03.1988

Ich hoffe, daß ich jetzt im Mai nun endlich die großen Tafeln vom “Rahmenmacher” zurückbekomme ! Diese großen Tafeln entstammen einem Impuls von vor 8 Jahren – kannst Du Dir das vorstellen ? Nach 2 Jahren Bestellungsvorzeit durfte ich die Bestellung aufgeben bzw. haben sie die Bestellung angenommen ! Dann mußte ich 3 Jahre warten bis sie fertig waren, dann lagen sie 2 Jahre bei mir im Atelier weil der Rahmenmacher überlastet war, u. im vorigen Jahr im Juni hat er sie abgeholt u. hoffe nun, daß er sie im Mai / Juni liefern kann — alles was damals mein Impuls für die Tafeln war — flupp — fort !

Und im Herbst kam dann wieder eine neue Idee – darum bin ich jetzt so ungeduldig:

Kennst Du die kleinen 60×60 cm großen Tafeln ? auf denen ich die Aufteilung von drei inhaltsgleichen Flächen habe ?




Die Aufteilung von drei Flächen in einem Quadrat hat seine große Spannung u. die wird aufgehoben durch drei Farben – eben ganz bestimmte Farben. Und die müssen eben ein so totales Verhältnis zueinander haben, wie ein Zünglein an der Waage! Verstehst Du nun die Farbbestellung. Die Farben müssen in ihrer Reinheit zueinander absolut stehen !!


Brief 05.03.1990

und habe für mich bestimmt, daß das Geld zur Bezahlung des Papiers bestimmt ist; aber auf jeden Fall danke ich Dir, daß ich Deine Adresse benutzen konnte, damit die Firma es erst einmal abliefern konnte und Du das Geld für mich ausgelegt hast. Daß ich von diesem Jahr an diese ganzen ‘Wertmaterialien’ selbst bezahle ist für mich sehr wichtig und es liegt mir daran, daß Du es verstehst: Weil ich immer Gehaltsempfänger war in meinem Berufsleben u. weil ich in meinen ganzen künstlerischen Arbeiten letztlich ja nur mich selbst finden wollte – einfach das was innenwendig -also von Geburt- in mich hineingelegt ist, ohne das es mir bewußt werden konnte wer ich eigentlich bin, weil ich durch die Kreativität also versucht habe, mir das bewußt zu machen, um diese ganzen Jahre der totalitären Ideologie ohne Verlust an Menschlichkeit zu überleben und überhaupt durchzustehen. So konnte ich nie meine Arbeit, ob als Zahnarzt, Musuemssammler für Völkerkunde oder als Maler mit dem Geldverdienen verbinden. Und der Zusammenhang zwischen Arbeit und der Notwendigkeit des Geldverdienens ist mir zwar verstandesmäßig klar – innerlich bewußt geworden ist dieser Zusammenhang mir nie.

Das Geld ist auf der Bank, mal mehr mal weniger – u. wenn es alle war – nun bis zum 28. den jeweiligen Gehaltszahltag, kam man schon irgendwie durch ! Die Arbeit selbst mußte mir immer mehr bedeuten. Siehst Du lieber Udo, und nun muß ich einen anderen Umgang mit dem Geld lernen; allerdings ohne das ich willens bin, meine innere Einstellung zu ändern oder, daß ich fähig wäre diese Haltung zur Arbeit zu ändern. Jetzt, so am Ende dieses real existierenden Sozialismus, wird mir klar, daß meine Arbeit mir immer mehr bedeutete, als daß sie bezahlbar gewesen wäre. Das kann sehr arrogant klingen, aber ich habe damit überlebt. Und nun muß ich lernen, daß meine Arbeit Ware ist !! Eine furchtbar interessante Sache ! Und das kann ich nicht lernen über eine andere Bewertung meiner Arbeit, sondern dadurch, daß ich begreife, wie teuer die Malmaterialien sind, daß ich begreife, was für ein teurer Beruf eigentlich der Beruf des Malers ist !! Und aus dem Grunde dürfen mir keine Materialien mehr geschenkt werden !! Hast Du das verstanden – ja, lieber Udo! Das Leben ist einfach verrückt !


Brief 05.07.1991

Unabhängig davon bekommst Du noch die Kassette “Konstruktive Übung”. Du kannst Dir eine Kassette aussuchen,  denn die Frau Stein in Leipzig hat dafür einen Posten Vorsatzpapiere zur Verfügung, der noch von ihrem Vorvorgänger selbst Blatt für Blatt hergestellt wurde. Leider sind sie doch sehr unterschiedlich ausgefallen, bei manchen ist der  Ausschnitt geradezu dramatisch – bei einigen völlig banal.

Gerade weil die Ko-Üb so ein karges Brot ist,wollte ich so eine amorphe ‘ Umhüllung ‘ haben, um zum Ausdruck zu bringen, daß das Geometrische u. Amorphe nicht ausschließen, sonder nur Pole einer zusammengehörenden Sache, der Malerei oder Grafik sind.











Brief 18.09.1991

Wie es mir geht ?  Lieber Udo !!  Ich kapiere es auch nicht, aber es geht mir gut !! Ich fühle mich sauwohl (meistens) habe so viel Freude an der Arbeit, u. wenn mich mal die Wut packt, dann bin ich doch klug genug, Papier u. Farben u. Spray u. Besenstiel mit rauszunehmen. Und knalle mit dem Besenstiel die Farben aufs Papier, daß die Nachbarschaft denkt, im Garten findet ein Nahkampf statt.



Brief 09.01.1992

Heute war ich nämlich in Altenburg im Museum u. die dortige Direktorin, Frau Penndorf, hat das Bild, oder die Tafel “Loenersloot I” (?) ausgestellt in der SED Zeit, als sie es von Ursula (Baring) geschenkt bekam und dann hat sie von R.  Mayer (Verlag der Kunst, eikon-Graphik-Presse) noch “Spiel mit Silberstift” für’s Museum gekauft – u. das hat in der Zeit, Anfang 1980, kein anderes Museum getan !



Brief 04.10.92

Aus all dem kannst du dich nur in die Arbeit retten !! Und die, lieber Udo, hat mich in diesem schönen großen Bogen der Sommermonate ganz ausgefüllt. Und was ich gearbeitet habe :  ” Papiere “

Ich mußte Verschiedenes technisch ändern u. da konnte ich dann auch mit dem kurzfaserigen Koschi Weiß arbeiten. Blieben zwar mehr Blätter auf der Strecke – weil ich oft eins zur Unterlage für das andere brauchte – u. ich verfügte so über Kraft wie so um 1979, 1981 als ich die Papiere für R. Mayer arbeitete. Nur das mir jetzt etwas mehr als 40.- Ostmark für das Blatt bleiben. Jetzt sind nur noch so ca. 15-18 Blätter im Atelier, der Rest, den ich in Ruhe aufarbeiten will. Diese Technik ist ja eine Verausgabung von Energie – aber verzichten auf das  ” in der Arbeit sein ” will ich niemals.



Brief 11.02.1993

Ja, und mir geht es wieder besser; was jetzt noch stört u. schwächt ist eine Frage der Nachbehandlung – ärgerlich, weil man so auf Halbmast lebt.

Wenn Du das Blatt mit Ölpastell rahmen lassen willst, so hast Du völlig recht, die Schicht darf nicht für längere Zeit an die Glasscheibe kommen. Aus dem zuhause rumhocken habe ich eine Tugend gemacht und bin wieder mittendrin im “Spiel mit Silberstift “. Aber eines weiß ich, so ein Rabotten wie von  ‘Vernunft und Zärtlichkeit’ über die verschiedensten Techniken mit Drucken im Atelier, wie Weiß auf Weiß, Weiß auf Grün u. Schwarz u. dann die ganzen ” Farbigen Papier ” (nicht mehr Papiere), die Bezeichnung war von Mayer schlecht gewählt , denn Papier ist ja alles;  das müssen so insgesamt ca. 80 Blätter u. so Kleinkram gewesen sein; bis im Winter jetzt wieder Variationen zu Otto Freundlich – auch so wieder ca. 15 Blätter oder zwei, drei mehr. Das ist zu viel !! Die Leute aus meiner Umgebung völlig vernachlässigt, keine Wanderung, nichts für meinen Rücken getan u. meine Wohnung ist ein Sauhaufen – u. die Wäsche schmeiße ich in den Container – nein – diese Schweinerei muß eine andere werden – aber so in Arbeit sein ist eben herrlich – fast wie eine Art Himmel.











Brief 25.08.1993

Übrigens scheinen am Horizont des Verkaufsproblems Wetterleuchten sich aufzutun, nur ob es Silberstreifen oder falscher Alarm war – das werde ich ja dann sehen. Ins Atelier rammle ich Tag für Tag. Aber ich verzweifle an den Tafeln. Zwei große konnte ich erarbeiten. Eine mit dem Motiv wie Du es auch hast, eine ganz neu – aus der Not ‘ne Tugend : “Horizontale Komposition über unebene Struktur” ! Da habe ich zwei Dellen in der Platte bewußt in die Komposition einbezogen – ist gut geworden – es muß so sein. Allerdings ist mir der Lackauftrag wirklich gelungen. Ein paar kleines Gemüse noch – u. Vieles was ich erst mal aufgegeben habe. In der kommenden Woche bekomme ich zwei neue große Tafeln aus neuem Material – 1,20 x 1,40. Das sollen zwei Tafeln werden für die Ausstellung im April bei Gebr. Lehmann.

“Streifen”. Das Motiv ist wie beim Zebrastreifen; die Diagonale von unten links nach oben rechts. Aber Abwandlungen in Farbe u. Material.

Farbtafel ist in diesem Sommer bisher nur eine geworden, sehr ruhig u. schön; vielleicht doch mit leichter Irritierung.


Brief 27.11.95

Da hatte ich ja nun doch diesen Einfall mit der weißen Tinte und den weißen Stiften auf das naturfarbene japanische Deko-Papier zu arbeiten. Elf Blätter habe ich noch, die ich alle in ähnlicher Form bearbeiten will; diese Gruppe ist doch ein schöner Abschluss der ganzen Arbeiten auf diesem Japan, das ja mit Coschi weiss  anfing.


Brief 11.06.1995

1946     Vor 50 Jahren so im Sommer/Herbst ging ich in Magdeburg in eine Katholische Buchhandlung, die auch grafische Blätter  verkauften; klappte eine Mappe auf und bot dem Händler 6 oder 7 Linolschnitte zum Ankauf an !! (Köpfe u. Orchideenblüten – blaue Stempelfarbe). Natürlich hat er keine gekauft – ist ja auch egal – wenn man das zum Verkauf anbietet, was man gearbeitet hat, nimmt man den Beruf ernst. Und für den weiteren Weg bekam ich dann von dem Buchhändler noch den Rat : “Da müssen Sie sich schon noch tüchtig anstrengen”. Diese Händler damals konnte eben noch ein ‘nein’ kulturvoll einpacken und hatten nicht die Absicht, Puppen tanzen zu lassen. Wie er es mir sagte war so wohlwollend; es war eine Absage, aber keine Ablehnung. Es war der Verweis zu arbeiten – ich fand mich ernstgenommen .


Brief 03.11.1997

…..  ich werde nun doch kein Atelier mehr in Dresden nehmen, die vier größeren Tafeln gehen morgen nach Altzella – jeden Sommer zwei könnte ich mir vorstellen, und spare die Miete. Ich hätte die Möglichkeit in einem halbhohen Keller – prima erneuert, Fliesen u. alles drin. Das ich die Besenstiel-Arbeiten noch geschafft habe war wichtig. Habe zum 1.12. gekündigt. Willi


Brief 02.02.1998

Diese neuen Arbeiten mit ‘Spiel mit Silberstift’ bringen mich ja sehr in die Nähe vom Symbolismus, aber ich habe so eine merkwürdige Sicherheit als (sei) ich der Verantwortlichkeit für meine Arbeiten enthoben ; ich handarbeite mit solcher Sicherheit, so dass ich Hand u. Augen ‘lange Leine’ geben kann; auf diesem dünnen Papier ist es sehr schwach. Aber wie immer wenn ich Sp.m.S. arbeite habe ich Schwierigkeiten mit dem Schreiben. Daß ich diese Technik noch mal so in den Griff bekomme hätte ich noch voriges Jahr für vollkommen unmöglich gehalten. Es waren so viele Überschneidungen von neuen Erlebnissen verbunden  mit Zäsuren, dass man die Bedeutung der Dinge – ihre notwendigen Konsequenzen erst langsam erkennt und damit verarbeitet.